› Herr Buchna, der 18. März wird in diesem Jahr erstmals unter Schirmherrschaft des Bundespräsidenten als „Tag der Demokratiegeschichte“ begangen. Was hat es mit diesem Datum auf sich?
Kristian Buchna: Der 18. März eignet sich wie wohl kein anderer Tag, um an die wechselvolle Demokratiegeschichte Deutschlands zu erinnern. Ausgehend von der Französischen Revolution und ihrem Ideal der Volkssouveränität rief am 18. März 1793 der rheinische-deutsche Nationalkonvent die Mainzer Republik aus – ein frühes Beispiel teil-demokratischer, parlamentarischer Selbstverwaltung. Der 18. März 1848 markiert mit Barrikadenkämpfen in Berlin den Ausbruch der Märzrevolution als Ausdruck des Kampfes für politische Mitbestimmung und war eine wesentliche Voraussetzung für die Nationalversammlung in der Paulskirche in Frankfurt. Am 18. März 1990 fand im Zuge der Friedlichen Revolution die erste und einzige freie Wahl zur Volkskammer der DDR statt. Es lässt sich an diesem Datum also ein demokratiegeschichtlicher Bogen vom 18. bis ins 20. Jahrhundert schlagen.
Wie beteiligt sich das Hambacher Schloss an diesem Aktionstag?
Buchna: Das Hambacher Schloss gehört zu den zentralen Orten der deutschen Demokratiegeschichte. Schließlich gilt das Hambacher Fest vom 27. Mai 1832 als eines der Schlüsselereignisse für die Demokratie in Deutschland. Für unsere Stiftung ist eine Beteiligung daher selbstverständlich. Am 18. März ist der Eintritt ins Hambacher Schloss und in die Dauerausstellung frei. Einen Tag später eröffnen wir die Sonderausstellung „Schwestern, zerreißt eure Ketten“, die vom Gedenkort Friedhof der Märzgefallenen in Berlin entwickelt wurde und die lange Zeit vernachlässigte Rolle der Frauen in der Zeit der Revolution von 1848/49 beleuchtet.
Gibt es eine Persönlichkeit, die Sie persönlich besonders beeindruckt?
Kitschun: Viele der vorgestellten Frauen waren sehr mutig und schafften es allen Beschränkungen zum Trotz, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Da ist zum Beispiel Lucie Lenz, die aus kleinen Verhältnissen stammt und sich in Berlin mit Gelegenheitsjobs durchschlägt. Während der Revolution hält sie öffentliche Reden für Freiheit und Demokratie, engagiert sich im Demokratischen Frauenverein und beteiligt sich in Männerkleidung am Sturm auf das Zeughaus und plündert Waffen. Sie schafft es, trotz ihrer schwierigen Ausgangsbedingungen ein engagiertes und selbstbestimmtes Leben zu führen.
Viele scheinen derzeit an der Demokratie zu zweifeln. Kann der Blick in die Vergangenheit vielleicht helfen, solche Zweifel zu überwinden?
Buchna: Gerade in einer Zeit der Geringschätzung der Demokratie führt uns die Geschichte vor Augen, wie lang, verschlungen, umkämpft und auch opferreich der Weg hin zur rechtsstaatlichen, freiheitlichen Demokratie auf deutschem Boden war. Eine lebendige Erinnerungskultur ist daher ein wirksamer Schutz gegen eine Geringschätzung der Demokratie, ihrer Institutionen und ihrer Exponenten. Zugleich bietet sie viele Ressourcen für eine wertschätzende Identifikation mit der Demokratie, deren Geschichte man an vielen Orten nachspüren kann. Der 18. März bietet einen idealen Anlass für demokratiegeschichtliche Entdeckungstouren.
Kitschun: Der Blick in die Geschichte schärft auch unseren Blick für bestehende Ungleichheiten in der politischen Beteiligung und dass wir sie als demokratische Gesellschaft gemeinsam abbauen können. Beispielsweise ist heute – 178 Jahre nach der Revolution 1848/49 – das aktive und passive Wahlrecht von Frauen zumindest bei uns selbstverständlich. Eine vollständige Gleichberechtigung und paritätische Repräsentation ist aber noch nicht erreicht. Im Bundestag sind aktuell nur 32 Prozent der Abgeordneten Frauen, einige Fraktionen liegen deutlich darunter.
Herr Buchna, können Sie uns noch einen kleinen Ausblick auf die Vorbereitungen für das Jubiläum 2032 geben?
Buchna: Der 200. Jahrestag des Hambacher Festes soll nicht als punktueller Festakt, sondern als ein nachhaltig wirksames Jubiläumsjahr mit einer Vielzahl von Aktionen und Angeboten begangen werden – weit über die Region hinaus. Das Netzwerk „Hambach 2032“ wird daher kontinuierlich wachsen und von einer eigens eingerichteten Stabsstelle im rheinland-pfälzischen Innenministerium koordiniert. Im Hambacher Schloss wird bis 2032 die Dauerausstellung völlig neu konzipiert. Mit dem diesjährigen Demokratiefest, das vom 29. bis 31. Mai in Neustadt und auf dem Schloss gefeiert wird, möchten wir auch einen Beitrag zur Einstimmung auf das Jahr 2032 leisten – mit dem passenden Motto „Freiheit pflanzen“. ‹
erschienen im Kulturmagazin Ausgabe 1/26