› Herr Schultze, 100 Jahre Schlossfestspiele – was bedeutet dieses Jubiläum für Sie und die Stadt?
Schultze: Die Schlossfestspiele sind aus Heidelberg nicht wegzudenken. Sie haben eine enorme Tradition und ziehen Menschen weit über die Region hinaus an. Gleichzeitig sind sie fest in der Stadtgesellschaft verankert. Wir haben mittlerweile mehr als 41.000 Zuschauerinnen und Zuschauer und eine Auslastung von rund 98 Prozent – das zeigt, wie groß das Interesse ist.
Gab es während Ihrer Intendanz Momente, an die Sie sich besonders erinnern?
Absolut. Ich denke da an die ersten Schlossfestspiele unter meiner Leitung. Da war mir nicht bewusst, wie emotional die Menschen auf bestimmte Produktionen reagieren. Ein berühmtes Beispiel ist „The Student Prince“. Als wir entschieden haben, das Stück nicht mehr zu zeigen, gab es tatsächlich eine Art Bürgerbewegung dagegen – das war ein regelrechter Skandal. Aber genau das zeigt ja, wie sehr die Schlossfestspiele die Menschen bewegen. So eine Leidenschaft für Theater erlebt man nicht überall.
“Mir war es immer wichtig, eine große Vielfalt zu zeigen. Im Schlosshof gibt es nicht nur ein Stück, sondern ein breites Angebot: Opern, Konzerte, Schauspielproduktionen und auch Formate für Kinder. Man kann fast sagen, dass dort oben ein kleines Repertoire-Theater entsteht.”
Holger Schultze, war seit der Spielzeit 2011/12 Intendant in Heidelberg.
Was zeichnet die Schlossfestspiele im Vergleich zu anderen Festivals aus?
Viele Festivals konzentrieren sich auf eine einzelne Produktion oder ein sehr enges Programm. Mir war es immer wichtig, eine große Vielfalt zu zeigen. Im Schlosshof gibt es nicht nur ein Stück, sondern ein breites Angebot: Opern, Konzerte, Schauspielproduktionen und auch Formate für Kinder. Man kann fast sagen, dass dort oben ein kleines Repertoire-Theater entsteht.
Haben Sie persönlich einen Lieblingsort auf dem Schloss?
Das ist schwer zu sagen, weil jeder Ort seinen eigenen Reiz hat. Der Schlosshof ist natürlich beeindruckend durch seine Größe und die direkte Verbindung zum Publikum. Aber ich habe auch sehr gern im Dicken Turm gearbeitet – dort ist man fast vollständig von der Außenwelt abgeschottet. Und dann gibt es noch den Altan: Dieser Moment, wenn man dort steht, über die Stadt blickt, ist einfach einzigartig. Es ist ein großes Privileg, an so unterschiedlichen Orten inszenieren zu können.
Was war Ihnen für das Programm zum Jubiläum wichtig?
Wir wollten die Geschichte sichtbar machen, deshalb gibt es eine Theatertour durch 100 Jahre Schlossfestspiele inklusive einer Ausstellung. Die Geschichte ist bewegend – von Konkurrenz mit den Salzburger Festspielen über politische Vereinnahmung durch die Nazis bis hin zu legendären Inszenierungen.
Sie selbst inszenieren „Cyrano de Bergerac“. Warum haben Sie sich dafür entschieden?
„Cyrano de Bergerac“ ist für mich ein ganz besonderes Stück. Es ist eine der schönsten Liebesgeschichten der Literatur, gleichzeitig aber auch ein sehr politisches Werk. Es geht um Themen wie Zensur, künstlerische Freiheit und Selbstbestimmung – Fragen, die heute wieder sehr aktuell sind. Außerdem schließt sich für mich persönlich ein Kreis, weil meine erste Inszenierung für die Schlossfestspiele die „Drei Musketiere“ waren. „Cyrano“ passt hervorragend in diese Tradition großer, bildstarker Inszenierungen.
Was erwartet das Publikum konkret?
Eine opulente Produktion, die zu Größe und Wirkung des Spielorts passt – mit Band auf der Bühne, Fechtszenen und einem großen Ensemble. Auch ehemalige Ensemblemitglieder kehren zurück.
Auffällig ist, dass sich mehrere Produktionen mit Außenseitertum beschäftigen. War das beabsichtigt?
Das ist teilweise bewusst, teilweise ergibt es sich. Stücke wie „Cyrano“, „Frankenstein“ oder „Das hässliche Entlein“ erzählen alle auf ihre Weise von Außenseitern und von der Suche nach Identität. Für mich persönlich hat das auch mit Abschied zu tun – es sind Themen, die mich in dieser Phase besonders interessieren.
Sie haben es angesprochen. Sie verlassen das Theater in diesem Sommer nach vielen Jahren. Was bleibt für Sie?
Ich bin stolz darauf, wie wir das Theater geöffnet haben – in die Stadt und international. Ein weiterer Punkt ist der große Zuspruch des Publikums. Wir gehören zu den bestbesuchten Theatern im deutschsprachigen Raum, und das zeigt, dass unsere Arbeit die Menschen erreicht. Gleichzeitig haben wir wichtige künstlerische Impulse gesetzt und wurden auch dafür ausgezeichnet.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Theaters?
Dass wir den Wert dieses Systems erkennen. Theater sind neben Fußballstadien vielleicht die wichtigsten Orte der Begegnung in unserer Gesellschaft. Gerade heute brauchen wir sie mehr denn je. Außerdem hoffe ich, dass das besondere Theatersystem in Deutschland weiterhin geschätzt und unterstützt wird. Die Arbeit mit festen Ensembles und die enge Verbindung zu einer Stadt sind -große Stärken, die man nicht unterschätzen sollte. ‹
Heidelberger Schlossfestspiele
11. Juni bis 02. August 2026, Heidelberger Schloss, www.theaterheidelberg.de