› „Hier stehe ich. Gott helfe mir. Ich kann nicht anders.“ Mit diesen Worten soll Martin Luther – zumindest der Legende nach – seine Verteidigungsrede beim Reichstag zu Worms im Jahr 1521 beendet haben. Kaiser Karl V. hatte ihn aufgrund seiner reformatorischen Umtriebe dorthin vorgeladen. Für Luther ging die Sache, obwohl er seine Thesen nicht widerrief und über ihn die Reichsacht verhängt wurde, letztlich glimpflich aus.
Der englische “Luther”
Doch die Stadt Worms war damit als Schauplatz der Reformation etabliert. Und sie spielte über den Reichstag hinaus eine wichtige Rolle in der europäischen Reformation, wie die Sonderausstellung „Made in Worms – William Tyndale’s New Testament 1526“ eindrucksvoll vor Augen führt. So wurde in Worms auch die erste englische Bibelübersetzung des englischen Reformators William Tyndale (um 1494–1536) gedruckt, der sich seit 1524 im Exil in Deutschland befand. „Obwohl Tyndale in gewisser Weise das englische Pendant zu Luther war, ist er heute immer noch weit weniger bekannt“, sagt Arne Dembek, Dekan des Kirchenbezirks Speyer. Er hat über den englischen Reformator promoviert und das Wormser Museum sowie dessen Leiter Olaf Mückain bei der Erarbeitung der Ausstellung beraten.
Einflussreich, aber wenig bekannt
Wenn es um das England des 16. Jahrhunderts geht, fallen Namen wie Heinrich VIII. oder Shakespeare, Tyndale bleibt jedoch meist außen vor, nicht nur hierzulande, sondern auch in seiner Heimat. „Dabei war er sprach- und literaturgeschichtlich eine prägende Figur. Er war der Erste, der die Bibel direkt aus dem Hebräischen und Griechischen ins Englische übersetzte – mit einer Wirkung, die durchaus mit Luthers Bibelübersetzung vergleichbar ist“, betont Dembek. „Beide haben die Sprache geprägt und dazu beigetragen, dass das Lesen eine universelle Fertigkeit wurde und nicht nur Eliten vorbehalten blieb.“ Bis heute weitverbreitete Redewendungen wie „Let there be light“ oder Ausdrücke wie „Scapegoat“ seien durch Tyndales Übersetzung in den Sprachgebrauch übernommen worden. Auch die King-James-Bibel, das Standardwerk der Anglikanischen Kirche, gehe zu zwei Dritteln auf Tyndales Übersetzung zurück.
Konflikt mit dem König
William Tyndales Leben jedoch lässt sich nur lückenhaft nachvollziehen. Geboren wird er Ende des 15. Jahrhunderts – vermutlich um 1494 – nahe Gloucester. Er studiert unter anderem in Oxford und Cambridge und tritt 1522 eine Stelle als Hauslehrer an. Dabei beginnt er, sich mit den Ideen der Reformation zu beschäftigen. Das bringt ihn schließlich in Konflikt mit König Heinrich VIII. und der damals noch römisch-katholischen Kirche von England. 1524 flieht er nach Deutschland, wo er – vermutlich in Wittenberg – mit der Übersetzung des Neuen Testaments beginnt.
Als er diese Arbeit 1525 abgeschlossen hat, will er in Köln seine Übersetzung drucken lassen, wird jedoch verraten und flieht rheinaufwärts nach Worms. „In dem Wormser Drucker Peter Schöffer d. J. fand Tyndale den denkbar kompetentesten Unterstützer für sein erzwungenermaßen heimliches Publikationsprojekt des englischen Neuen Testaments“, erklärt der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann, der als einer der füh-renden Fachleute für die Geschichte der Reformation gilt und die Schau in Worms ebenfalls wissenschaftlich begleitet hat. Tyndales Buch erscheint in einer geschätzten Auflage von 6.000 Exemplaren, die auf geheimen Wegen nach England geschmuggelt werden und dort für Furore sorgen.
Tod auf dem Scheiterhaufen
Anders als seine Bücher wird Tyndale jedoch nie mehr in sein Heimatland zurückkehren. Er lebt noch weitere zehn Jahre auf dem europäischen Festland, bevor er durch einen Verrat aus seinem Antwerpener Refugium gelockt und durch die habsburgischen Behörden festgesetzt wird. Am 6. Oktober 1536 stirbt er schließlich in Vilvoorde nahe Brüssel auf dem Scheiterhaufen.
Von Tyndales Buch sind nur noch wenige Exemplare erhalten. Die weltweit einzige vollständig erhaltene Erstausgabe – eine Leihgabe der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart – wird im Andreasstift zu sehen sein. Dabei sollte man sich vom eher unscheinbaren Äußeren des Bandes nicht täuschen lassen. „Es war bewusst ein kleines, handliches Buch im Oktavformat – keine Prachtbibel“, erklärt Arne Dembek. „Man musste es schließlich möglichst unauffällig nach England schmuggeln können.“ Anhand weiterer Exponate aus dieser Zeit zeichnet die Ausstellung zudem das Leben Tyndales nach – vom Zeitpunkt seiner Flucht auf das europäische Festland über seinen Aufenthalt in Worms bis zu seinem Ende als Opfer der englischen Zensur.
Eine Medienrevolution
Darüber hinaus geht es in der Schau auch um die Bedingungen, unter denen solche Schriften damals produziert und -verbreitet wurden, was wiederum die historische Gestalt des Wormser Druckers Peter Schöffer in den Fokus rückt. „Ohne den Buchdruck wäre die Reformation kaum möglich gewesen“, erläutert Dembek. „Plötzlich ließen sich Texte und Bilder in großer Zahl vervielfältigen und verbreiten. Das war eine Medienrevolution, deren Dimension sich mit dem Internet vergleichen lässt.“
Nicht zuletzt zeigt die Schau auch, welch bedeutende Rolle die Stadt Worms innerhalb der Reformation als grenzübergreifender Bewegung gespielt hat. „Die Reformation war ein europäisches Phänomen“, resümiert Arne Dembek. „Ideen, Menschen, Bücher und Druckschriften bewegten sich über die heutigen Grenzen hinweg. Mit Tyndale wird diese Verbindung zwischen Worms und England besonders anschaulich.“ Auch von Tyndale ein prägnantes Zitat überliefert: „Gott, öffne dem König die Augen“, soll er auf dem Scheiterhaufen gesagt haben. ‹
Tipp! Zur Ausstellung gibt es ein Rahmenprogramm mit Vorträgen, Gesprächen, Workshops und szenischen Aufführungen sowie speziellen Angeboten für Kinder und Jugendliche.
Made in Worms — William Tyndale’s New Testament 1526
26. September 2026 bis 10. Januar 2027, Museum der Stadt Worms im Andreasstift