Wie kam es zu der Initiative, die Kunst im öffentlichen Raum in Mannheim auf einer Homepage zu zeigen?
Silvia Köhler: Die Künstlernachlässe Mannheim hatten schon immer ein Interesse an Kunst im öffentlichen Raum. Wir haben auch eine zeitlang Führungen zu diesem Thema angeboten. Es gab 2020 schon mal einen Ansatz, der aber wieder einschlief. Dann erfuhr das Thema 2022 durch den Verein Stadtbild und die Kunsthalle neuen Auftrieb. Es entstand eine Arbeitsgruppe, zu der auch das Marchivum, das Denkmalamt, der PORT25 und andere privat Engagierte gehörten. Das war der Anfang.
Wie viele Kunstwerke sind inzwischen sichtbar – und werden noch welche dazu kommen?
Christine Schumann: 140 Kunstwerke sind jetzt veröffentlicht. Wir haben aber immer noch an die 80 Arbeiten, die offen sind. Schön ist, dass uns nach dem Launch der Webseite viele Mannheimer*innen geschrieben und auf Arbeiten in ihrem Umfeld hingewiesen haben. Das ist ja genau das, was wir wollen, die Arbeiten wieder in die Öffentlichkeit zu rufen und dass die MannheimerInnen mit offen Augen durch ihre Stadt gehen.
Aus welcher Zeit stammen die meisten Arbeiten?
Silvia Köhler: Die meisten Objekte stammen aus der Zeit von 1950 bis 1990 – weil das auch die Zeit war, in der Kunst im öffentlichen Raum ein Thema war. In den Aufbaujahren nach 1945, um die Innenstadt wieder „schöner“ zu gestalten und in den 1980ern/1990ern ganz bewusst, um moderne Kunst in die Öffentlichkeit zu bringen.
Was ist das älteste Objekt?
Silvia Köhler: Das älteste Objekt ist natürlich die Grupello-Figurenpyramide auf dem Paradeplatz. 1699 aufgestellt. Mannheim hat ja noch einige Objekte aus der Barockzeit.
Was ist das Jüngste?
Christine Schumann: Two Intersecting Sine Waves von Dan Graham (2017), die geschwungenen Scheiben vor dem Eingang der Kunsthalle Mannheim. Und auf den Planken die Gedenkskulptur (2003) von Jochen Kitzbihler für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus in Mannheim, in der Nähe von Galeria Kaufhof.
Was war die größte Überraschung bei den Recherchen?
Silvia Köhler: Wie lange oft der Prozess dauert, bis etwas aufgestellt wird und dass einige Objekte schon mehrere Umplatzierungen hinter sich haben, zum Beispiel der Pelikan-Brunnen von Philipp Harth nimmt seinen Anfang auf der Schönau. Und landet über den Scipio-Garten dann am Anfang der Planken. Interessant ist auch: Viele Arbeiten sind durch ein starkes Engagement Mannheimer Bürger*innen entstanden – etwa das Schiller-Denkmal. Aus heutiger Sicht äußerst interessant: Die Diskussionen um das Aufstellen „moderner Kunst“ im öffentlichen Raum mit Beginn der 1960er Jahre, die eine große Diskussion in der Stadtgesellschaft hervorgerufen haben. Etwa beim Lipsi-Rad (1960) am Wasserturm, oder der Arbeit Zwei große Formen von Hans Nagel (1964), eine Skulptur, die 1965 am Ende der Speyerer Straße beim Zugang zum Waldpark aufgestellt wird und zu einer Auseinandersetzung im Mannheimer Morgen führt, die sich bis in den Sommer 1968 zieht.
Auch ein wichtiges Thema sind Kunstwerke im öffentlichen Raum, die einen nationalsozialistischen Kontext haben.
Silvia Köhler: Ja, da gibt es in Mannheim doch noch mehr, als das Ludwig Frank Denkmal.
Am ehemaligen Postareal am Mannheimer Hauptbahnhof hatte es ein mehrere hundert Meter langes Relief von Otto Herbert Hajek gegeben. Dokumentiert die Datenbank auch verschwundene Kunstwerke oder ihren Verbleib?
Christine Schumann: Ja natürlich, denn auch Arbeiten, die es nicht mehr gibt erzählen eine Geschichte. Etwa das ehemalige Kaiser Wilhelm Denkmal im Schlosshof, dass die Nationalsozialisten entfernen, weil sie den Schlosshof als Platz für ihre militärisch Aufmärsche benötigen. Oder das ehemalige Siegerdenkmal von Hermann Volz, das den Sieg über Frankreich 1871 glorifiziert hat. Bis jetzt sind es fast 20 Arbeiten, die nicht mehr an ihrem Standort stehen. Und ja: das Postareal steht noch auf unserer To-do-Liste mit noch offenen Objekten, denn die Arbeit für die Webseite geht ja weiter.
Manche Kunstwerke kennt man kaum, weil sie so verborgen sind: Etwa Edgar Schmandts Glasmalerei „Der große Baum“, die im Hof des Landesarbeits- und Arbeitsgerichts steht. Gibt es Führungen, bei denen man solche eher unbekannteren Arbeiten entdecken kann?
Silvia Köhler: Wir sind am überlegen. Es gibt auch die Idee zu einer Fahrradtour mit dem ADFC – etwas zu den Objekten von Hans Nagel. Wir müssen schauen, wie wir das stemmen. Wir wollen auf jeden Fall in der Ausbaustufe Zwei – die wir gerade in Planung haben und die wir noch finanzieren müssen - für die Webseite unterschiedliche Themen-Touren anbieten, wo Interessierte gezielt eine selbstgeführte Route ablaufen oder mit dem Rad abfahren können. Etwa Objekte mit politischer Vergangenheit, oder Arbeiten, bei denen bürgerschaftliches Engagement im Hintergrund steht und natürlich die Objekte, die in Mannheims Öffentlichkeit stark diskutiert wurden.
Sind alle dokumentierten Arbeiten frei zugänglich?
Christine Schumann: Ja, die meisten. Für die Arbeiten, die im Luisenpark auf dem Vetter-Weg stehen, da muss man natürlich Eintritt bezahlen. Und auch Arbeiten in Schulen, wie die Arbeit von Edgar Schmandt in der Schillerschule oder die Glasfenter von Rudi Baerwind, da kann man nicht so einfach hin, sondern muss einen Termin vereinbaren. Aber das haben wir vermerkt.
Wird es künftig vor Ort auch Schilder mit Infos geben - wie die Informationstafeln, die das Marchivum an wichtigen Orten der Stadtgeschichte erarbeitet hat?
Silvia Köhler: Ja, das wäre schön, aber so eine richtige Vorstellung, wie man das bewerkstelligen kann, ist total offen. Denn die Arbeiten gehören unterschiedlichen Eigentümern. Und man kann ja nicht einfach einen Aufkleber etwa an einen Sandsteinsockel kleben. Die Umsetzung solcher Schilder gestaltet sich entsprechend kompliziert und kostspielig und hat für uns aktuell eher keine Priorität. Die Arbeitsgruppe von KIORMA ist größtenteils ehrenamtlich engagiert und die Organisation, Herstellung und Platzierung solcher Tafeln sprengt unsere Kapazitäten. Hier wäre sicherlich die Stadt gefragt.
Christine Schumann und Silvia Köhler gehören zur Stiftung Mannheimer Künstlernachlässe.