› Die Stimme im Jazz ist immer auch ein wenig mehr als ein musikalisches Vehikel, mindestens ebenso sehr nämlich ein Organ der Repräsentation: Voice und Vote, so beschrieb es Diedrich Diederichsen einmal, gehören eng zusammen. Und beide Begriffe gehen zurück auf vox, den lateinischen Begriff für Stimme.
Gleich zum Festivalauftakt ist Souad Massi (Foto oben) zu erleben. Die algerische Sängerin und Songwriterin, die ihre Lieder auf Arabisch und Französisch vorträgt, fühlte sich als Musikerin in ihrer Heimat einst eingeengt und beschloss 1999, nach Frankreich zu ziehen. Dass sie keine Grenzen kennt, zeigt sich auch in ihrer Musik: Folk, Rock, Flamenco und arabische Traditionen gehen bei ihr eine sinnliche Melange ein.
Sing the Truth
Lizz Wright ist eine der anderen großen Stimmen unserer Zeit: Sie ist eine jener Sängerinnen, die aus der Kirche und Gospeltradition kommen und sich produktiv mit der Geschichte vor allem schwarzer Musikerinnen auseinandersetzen. Zusammen mit Angélique Kidjo und Cécile McLorin Salvant ist sie Teil des Projekts „Sing the Truth“, das sich unter der Leitung der Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington dem Werk von Frauen wie Odetta, Billie Holiday oder Miriam Makeba widmet.
Gregory Porter gehört ebenfalls zu den bedeutenden Erben einer langen Jazz- und Soultradition – und sieht sich selbst als Enkel von Giganten wie Nat King Cole und Nina Simone. Mit seinem butterweichen Bariton betört er nicht nur seine Fans und die Kritik – er nutzt ihn auch, um sich politisch Gehör zu verschaffen. Manche seiner Songs handeln von Rassismus, der nicht zuletzt durch den ultrakonservativen Backlash wieder zu einem zentralen Thema in den USA geworden ist.
Stimmen der Zukunft
Melody Gardots wandlungsfähige Stimme wiederum bewegt sich schwerelos zwischen den Kontinenten Jazz und Songwriter-Pop. Auch Elina Duni ist nach mehreren Alben für ECM keine Unbekannte mehr. Ihr Gesang ist sensibel, wehmütig, in neun Sprachen zu Hause, im Jazz, Chanson und albanischer Volksmusik. Ihr Werk ist ein Versprechen auf die Zukunft. Zu den Stimmen dieser Zukunft gehört Samara Joy. Die US-Amerikanerin hat bislang sechs Grammys gewonnen, sie wird mit Sarah Vaughan verglichen und sie tritt mit großen Kalibern wie Christian McBride oder Emmet Cohen auf.
„I forgot the words“
Im Jazz wird nicht nur der menschliche Gesang als „Stimme“ bezeichnet, sondern jedes Instrument ist eine Stimme, im besten Fall eine sehr eigene. „Ich versuche auf meiner Gitarre zu singen“, sagte Bill Frisell einmal. Als der Saxofonist Ben Webster einst bei einem Solo plötzlich innehielt und gefragt wurde, warum er nicht weiterspiele, erwiderte er: „I forgot the words.“
Auch in diesem übertragenen Sinne hat das diesjährige Enjoy Jazz Festival einige exzeptionelle „Stimmen“ zu bieten: von der Tenorsaxofonistin Melissa Aldana über den Pianisten Jason Moran, die Altsaxofonistin Lakecia Benjamin, den Sopransaxofonisten Émile Parisien, den Violinisten Arun Ramamurthy bis hin zum Trompeter Theo Croker. Die Aufzählung könnte noch mindestens 30 Konzerte lang weitergehen … Lassen Sie sich überraschen! ‹
Enjoy Jazz Festival
Termin – 02. Oktober bis 07. November 2026
Orte – verschiedene Locations in der Kulturregion