› Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der Jubiläumsausgabe des Festivals Winter in Schwetzingen: Zum 20. Mal lädt das Theater & Orchester Heidelberg zum Barockfest. Pünktlich zum runden Geburtstag hat sich auch einiges verändert. Mit Bernadette Sonnenbichler steht dem Theater & Orchester nicht nur eine neue Intendantin vor, mit Orchesterdirektor Florian Scheiber und Operndirektorin Sarah Grahneis gibt es auch eine neue künstlerische Leitung für den Winter in Schwetzingen. Ein Anliegen der neuen Intendantin ist es, das Haus durch neue Formate noch stärker für die Stadtgesellschaft zu öffnen.

 Den Mittelpunkt des Festivals bildet Georg Friedrich Händels „Agrippina“. Die Oper wurde bei ihrer Uraufführung im Jahr 1709 in Venedig zum Triumph und machte den erst 24-jährigen Komponisten schlagartig berühmt. Was das Werk bis heute so fesselnd macht, ist neben der Musik vor allem die Titelfigur: Agrippina, Mutter des künftigen Kaisers Nero, ist eine der kühnsten Frauengestalten der Opernliteratur. Einfallsreich, machtbewusst und von unerschöpflichem Charme, widersetzt sie sich starren Rollenbildern. 

Durch Täuschung, Verführung und politisches Kalkül schiebt sie ihren Sohn auf den Thron, hält Kaiser Claudius und ihre Liebhaber in Schach und findet in der jungen Poppea eine ebenbürtige Gegenspielerin. Händel erzählt dieses Machtspiel als Politthriller und Beziehungskomödie: Es wird taktiert, gelogen und gelacht, dass sich die Bühnenbalken biegen. Claudia Isabel Martin inszeniert, Gerd Amelung ­leitet das Philharmonische Orchester Heidelberg. Die Titelrolle der Agrippina übernimmt Rahel Brede, die seit der Spielzeit 2026/27 dem Opernensemble des Theaters & Orchesters Heidelberg angehört.

Das Konzertprogramm nähert sich dem Festivalthema aus verschiedenen Perspektiven. Zu Beginn setzt „La Diva“ mit der lautten compagney BERLIN und Sopranistin Johanna Kaldewei den Ton: Octavia, verstoßen von Nero. Didone, verlassen von Aeneas. Kleopatra, siegreich in der Niederlage. Drei Frauenfiguren aus Werken von Keiser, Vinci und Händel – drei Stationen einer Kunst, die das Allzumenschliche durch die rhetorischen Mittel der Barockoper in etwas Überirdisches verwandelt.

TIPP! In Händels Schatten – Englische Meister im Dialog 

Georg Friedrich Händel prägte die englische Musik des 18. Jahrhunderts wie kein Zweiter. Countertenor Rémy Brès-Feuillet und das Ensemble Compagnie la Demeure unter der Leitung von Gerd Amelung stellen Arien aus Händels „Deborah“, „Saul“ und „Semele“ Werken von Maurice Greene, Thomas Arne und John Stanley gegenüber. So entsteht ein facettenreiches Porträt der englischen Musik des 18. Jahrhunderts. 

29. Dezember 2026, 19.30 Uhr, Schloss Schwetzingen, Rokokotheater

 

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Eine weitere Perspektive eröffnet „Vox Feminae“ mit Les Kapsber’girls: Vokalmusik von Barbara Strozzi, Antonia Bembo und Francesca Campana – Komponistinnen, die im Italien des 17. Jahrhunderts künstlerische Freiräume fanden, die späteren Generatio­nen kaum noch gewährten wurden. Dass Barbara Strozzi mehr Werke veröffentlichte als jeder ihrer männlichen Zeitgenossen in Venedig, ist eine jener Ironien, die man sich vor Augen führen muss – und die dann umso mehr nachhallt. Das junge französische Ensemble bringt diese Musik mit Leidenschaft zur Geltung, wie auf seiner preisgekrönten CD-Einspielung.

Während „In Händels Schatten“ mit Countertenor Rémy Brès-Feuillet und der Compagnie La Demeure das Spannungsverhältnis zwischen dem „lieben Sachsen“ Händel und seinen englischen Zeitgenossen Greene, Arne und Stanley erkundet wird, stehen im Abschlusskonzert „Lobgesang“ Fanny Hensel und Felix Mendelssohn Bartholdy gleichberechtigt neben­einander – die Geschwister als zwei Stimmen eines Gesprächs, das die Musikgeschichte lange Zeit lediglich mit einem von ihnen geführt hat.

Das festliche Programm um die Weihnachtstage verleiht dem Festival jenen Glanz und jene besondere Atmosphäre, ohne die kein Winterfestival auskommen mag: Maurice Steger ist als Blockflötist und Dirigent beim Philharmonischen Konzert „Festivo“ zu erleben, das Philharmonische Barockorchester Heidelberg lädt zu seinem Weihnachtskonzert mit Musik von Telemann bis Vivaldi ein und ein Familienkonzert eröffnet auch den Jüngsten die Welt des Barock. 

Die Musik des Barock hat weiterhin etwas zu sagen – nicht trotz, sondern wegen ihrer Unzeitgemäßheit, wegen der Stimmen, die sie hörbar macht, und wegen jener, die wir in ihr erst wiederzuentdecken beginnen. Der Winter in Schwetzingen richtet in seiner 20. Ausgabe den Blick auf diese Stimmen und stellt zugleich eine Frage, die weit über den Barock hinausweist: Wessen Geschichten erzählt die Musik – und wessen noch nicht? ‹

 

Winter in Schwetzingen
21. November 2026 bis 29. Januar 2027, Schloss Schwetzingen, Peterskirche und Konzerthaus Stadthalle Heidelberg
www.winterinschwetzingen.de

Nicht verpassen!

Highlights beim Winter in Schwetzingen

Die 20. Ausgabe des Barockfests Winter in Schwetzingen eröffnet mit Händels „Agrippina“. Solist*innen des Theaters & Orchesters Heidelberg und Gäste sowie das Philharmonische Orchester Heidelberg gestalten Händels raffiniertes Machtspiel.

Premiere: 21. November 2026, 19.30 Uhr, Schloss Schwetzingen, Rokokotheater, weitere Aufführungen bis 29.01.2027 

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Octavia, Dido und Kleopatra: Sopranistin Johanna Kaldewei und die lautten compagney BERLIN lassen ihre Geschichten in ­Arien von Reinhard Keiser, Leonardo Vinci und Georg Friedrich Händel lebendig werden – ein Abend voller Leidenschaft, virtuoser Klangkunst und barocker Affekte. 

06. Dezember 2026, 19 Uhr, Schloss Schwetzingen, Rokokotheater

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Im Italien des 17. Jahrhunderts konnten Komponistinnen außergewöhnlich selbstständig wirken. Barbara Strozzi, Francesca Campana und Antonia Bembo schufen Vokalmusik von großer Eigenständigkeit und Ausdruckskraft. Das junge französische Ensemble Les Kapsber’girls lässt diese Werke mit Leidenschaft und Gespür für ihren klanglichen Reichtum neu aufleben.

22. Januar 2027, 19.30 Uhr, Schloss Schwetzingen, Rokokotheater

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